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  • Andrea Huber & Cordula Reimann

#NoLiestal vs. #MoreLiestal: Eskalationsdynamik in der Corona-Krise

Aktualisiert: Apr 8

Die Demonstration in Liestal und die Reaktionen darauf machen deutlich: Die Schweizer Debattenkultur stösst mit der Corona-Krise an ihre Grenzen. Wie sich der gesellschaftliche Konflikt seit Beginn der Corona-Krise verschärft hat und warum wir den Umgang mit dieser Eskalationsdynamik lernen müssen, zeigen Cordula Reimann und Andrea Huber anhand von Modellen aus der Konfliktbearbeitung. Die Frage ist nicht mehr nur: Können wir Corona, sondern zunehmend auch: Können wir Konflikte?



In Liestal trafen sich Menschen, die sich nicht gehört fühlen und mit Demonstrationen mediale Aufmerksamkeit für ihre Kritik an den staatlichen Corona-Massnahmen suchen. Die Online-Aktion #NoLiestal kritisiert die Demonstrationen der Corona-Protestbewegung wegen Missachtung von Massnahmen scharf. Wenn man diese Tage die Corona-Berichterstattung und emotional aufgeheizte Diskussion in der Öffentlichkeit zu den Corona-Massnahmen verfolgt, wirken die Positionen für und gegen die Corona-Massnahmen verhärtet. Die Berichterstattung und Online-Kommentare konzentrieren sich auf das fehlende Maskentragen der Teilnehmenden und das zu lasche Eingreifen der Politik und Polizei. Was die Leute aber genau auf die Strasse treibt und welches konkret ihre Forderungen sind, bleibt mehrheitlich unbeleuchtet. Berechtigte Kritik an Massnahmen findet oft undifferenziert und eindimensional in den sozialen Bubbles statt, mit viel Potential für Manipulation. Es fehlen Debattenräume, welche die komplexen und widersprüchlichen Dimensionen der Corona-Krise, der Massnahmen, Bedürfnisse und Interessen verschiedener Gesellschaftsgruppen reflektieren und angehen. Diese mehrdimensionale Auseinandersetzung ist jedoch zentral, um eine zunehmende Polarisierung und Eskalation zu verhindern. Nach nur einem Jahr Krise ziehen sich tiefe Gräben durch die Gesellschaft.


Stufen der Eskalation


Um aufzuzeigen, wie es so weit kommen konnte, stützen wir uns auf das Analyseinstrument von Konfliktforscher und Mediator Friedrich Glasl bietet. Er erklärt die Eskalation von Auseinandersetzungen anhand von neun Stufen. Diese reichen von der Verhärtung der Positionen bis zur totalen Konfrontation, auch um den Preis der eigenen Vernichtung. Mit zunehmender Eskalation werden die Positionen starrer, die Eindimensionalität und Irrationalität im Denken, Fühlen und Wollen nimmt zu. Gleichzeitig nimmt die Fähigkeit der Selbstregulation und der konstruktiven Konfliktbearbeitung ab.


Eigene Grafik basierend auf Glasl 1980 und 2013


Glasl geht von fünf Mechanismen aus, die diese Eskalationsdynamik bedingen, erklären und vorantreiben: Projektionen, Komplexitätsreduktion, Simplifizierung der Ursache-Wirkung-Beziehungen, Tendenz zum Personifizieren des Konfliktes und Beschleunigung der Eskalationsdynamik durch Androhungen. Diese Mechanismen erzeugen eine starke destruktive Eigendynamik. Sie sind den beteiligten Parteien sehr oft nicht bewusst und verlaufen äusserst subtil.


Wie kam es zur Eskalationsdynamik in der Corona-Krise?


Bereits vor der Krise bestanden extreme Pole, die sich vor allem parteipolitisch und an konkreten politischen Vorlagen zeigten. So etwa in den Bereichen der Grundrechte, der Medizin oder den Sozialversicherungs- und Bildungssystemen. Mit der Corona-Krise sind alle Bereiche gleichzeitig tangiert und verstärken sich entsprechend die Pole. Mit Start der Krise im März 2020 wurden mit der Zusammenstellung der wissenschaftlichen Taskforce klare Akzente gesetzt. So wurden beispielsweise keine Fachleute aus Bereichen der Alternativmedizin, dem Bildungswesen, der Konfliktbearbeitung oder der Psychologie integriert. Die Krisenbewältigung wurde top-down organisiert und für die Konsultationen bestehenden föderalen Strukturen genutzt. Spätestens nach dem ersten Lockdown hätten Behörden Akteurs- und Konfliktanalysen erstellen sollen, um die unterschiedlichen Lebenswelten und Perspektiven ernst zu nehmen und Konsultations- und Debattenräumeentsprechend auszurichten.


Eskalationsstufen 1 bis 3: Verpasste Chancen der Konfliktbearbeitung


In unserer Einschätzung bewegten wir uns bis zum Sommer 2020 in den ersten drei Stufen des Glasl-Eskalationsmodells: Verhärtung, Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen sowie Schaffung von Tatsachen und Rückgang der Empathie. Es entwickelten sich unterschiedliche Positionen zu evidenzbasierten Massnahmen. Erschwerend war, dass sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse laufend entwickelten und veränderten (wie etwa betreffend Wirkung von Masken) und die Konsequenzen für die Bevölkerung zunehmend existentieller wurden. Die Differenzen waren auf dieser Stufe mehrheitlich auf der Sachebene und hätten dort noch bearbeitet werden können.


Doch genau diese Bearbeitung fand in unserer Wahrnehmung nicht statt - weder medial, noch durch das Schaffen von Dialog- und Partizipationsgefässen. So hätten zum Beispiel Fokusgruppen Bedürfnisse von Eltern und Lehrpersonen für das Planen von Massnahmen an Schulen mit einbeziehen können. Breit abgestützte Lösungen (win-win) wären auf dieser Stufe möglich gewesen. Das thematische Erweitern der Taskforce oder die mediale und differenzierte Auseinandersetzung mit Gruppierungen, die sich kritisch mit Grundrechtseinschränkungen auseinandersetzen, hätten zum besseren Verständnis gegenüber unterschiedlichen Perspektiven beigetragen.


Kanäle wie Telegram boomten in kürzester Zeit und boten viel Nährboden für das Bestätigen einer bestimmten Haltung. Dort treffen sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Inzwischen ist so etwas ein Meinungsschwarm entstanden, den auch demokratiefeindliche Kräfte rege für Manipulation, Desinformation und Hetze nutzen. Mitte März 2021 diskutierten wir im Rahmen einer Expertenrunde zu den «Herausforderungen der Medien in der Corona-Krise» unter anderem über die veränderte Deutungshoheit der traditionellen Medien. Die Corona-Krise beschleunigt die Verlagerung hin in die sozialen Medien, wo das Narrativ der «Lügenpresse» und «Mainstreammedien» starken Aufwind hat (siehe dazu unseren Blogartikel zu polarisierungssensitivem Journalismus).


Nicola Gess beschreibt in ihrem neuen Buch «Halbwahrheiten» das Prinzip der «motivierten Wahrnehmung»: Mit einer festen Haltung werden Fakten gesucht, welche die eigene Haltung stützen, anstatt die eigene Haltung aufgrund von Fakten zu entwickeln. Da sich die Faktenlage laufend verändert, ist die Orientierung an Fakten zusätzlich erschwert.


Auch in den traditionellen Medien hat sich ein gewisser Meinungsstandard betreffend wissenschaftlicher Einordnung zur Pandemie und den Massnahmen gebildet. Berechtigte Kritik an den staatlichen Massnahmen, wie zum Beispiel das Nichtintegrieren alternativmedizinischer Perspektiven oder die zu späte Thematisierung der langfristigen psychologischen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche wurden schnell in die Ecke von Verschwörungstheorien gestellt und ein Ringen um die besten Sachargumente fand nicht statt.


Medienforscher Mark Eisenegger beurteilt die Qualität der Berichterstattung mehrheitlich als gut, ist jedoch der Meinung, dass sich Medien mehr engagieren sollten, um auch kritischen Stimmen eine Bühne zu geben. Es sei kontraproduktiv, wenn wir den Diskurs nicht mehr führen (Echo der Zeit 23. 3. 2021).

Bild: stiller-protest.ch


Wir haben gegenüber Behörden bereits im Mai/Juni 2020 mehrfach auf die Notwendigkeit von vertrauensbildenden Massnahmen des Dialogs und das Schaffen von Fokusgruppen aufmerksam gemacht. Die Antwort: «Man wolle diesen wenigen `Irren` keine Plattform geben». Auch im Kontakt mit Medienschaffenden und Politiker*innen haben wir die Gefahr der Polarisierung immer wieder thematisiert. Inzwischen sind es Hunderttausende, die sich ganz unterschiedlich motiviert in den sozialen Medien organisieren. Die NZZ geht in einer Analyse davon aus, dass allein in den Corona-kritischen Telegram-Kanälen 450'000 Menschen regelmäßig kommunizieren. Rund 8000 Menschen in Liestal waren nur die Spitze des Eisberges der Massnahmen-Kritiker*innen.


Eskalationsstufen 4 bis 6: «Wir» und «die anderen»


In den folgenden drei Stufen des Eskalationsmodells bilden sich Koalitionen, Gesichtsverlust und Drohstrategien. Die Suche nach einer gemeinsamen Lösung wird verunmöglicht. Die Sachebene wird verlassen und Auseinandersetzungen finden zunehmend auf der Beziehungsebene statt. Gewinn-Verlust-Kategorien dominieren zunehmend das Fühlen, Denken und Handeln (win-lose). Zuordnungen wie «Corona-Leugner», «Coviditoten», «Superspreader» versus «Diktaturvorwürfe» und «Einschränkung der Meinungsfreiheit» haben seit Jahresbeginn an Emotionalität stark zugenommen. Einerseits wegen der Angst vor einem «indirekten Impfzwang», andererseits wegen der Verlängerungen der Massahmen und des Fehlens einer positiven und zukunftsorientierten Perspektive.


Bereitschaft, Verständnis oder Akzeptanz für andere Positionen zu finden, sinkt weiter. Es bilden sich zwei Lager, welche sich über zugespitzte Schuldzuweisungen eine Identität geben und um Sichtbarkeit und Anerkennung ringen. «Die anderen» werden nur noch holzschnittartig und als personifizierte Stereotypen wahrgenommen. Es entsteht ein Tunnelblick: Die einzelnen und konkreten Sachaussagen einzelner Akteure werden ignoriert oder abgelehnt und es wird in Freund-Feind-Kategorisierungen gedacht. Das Menschliche in dem/der Anderen wird nicht mehr gesehen oder wahrgenommen. Verantwortung für das eigene (Fehl)Verhalten werden in Richtung der Gegenseite zurückgewiesen. Es entsteht ein Verantwortungsvakuum: Alle zeigen aufeinander und keiner fühlt sich verantwortlich.

Bild: Fachstelle Dialog und Partizipation


Wir befinden uns aktuell an dem kritischen Eskalationspunkt bei Stufe 4 bis 5. Wir zeigen anhand zwei zentraler Mechanismen der Eskalationsdynamik nach Glasl, wie es soweit kommen konnte. Diese sind auch für Strategien der Deeskalation von Bedeutung:


1. Projektionen


Projektion ist ein wichtiger Antreiber jeder Eskalationsdynamik: Die agierenden Akteure fühlen sich unsicher, angespannt und haben Angst. Statt sich mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten auseinanderzusetzen, werden diese auf andere projiziert oder anderen zugeschrieben. Es kann zu emotionalen Überreaktionen kommen, die sich in Frustration, weiteren inneren Anspannungen, Schockstarre oder Hysterie manifestieren. In unserer Wahrnehmung ist Angst auf verschiedenen Ebenen in der Gesellschaft omnipräsent, wird aber eher tabuisiert: Angst vor dem Virus, Angst vor «der Diktatur», Angst vor existentieller Not, Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst vor dem psychischen Wohlergehen der eigenen Kinder, Angst vor dem Tod und Verlust etc. Rationale und irrationale Ängste müssen ernst genommen werden. Anstatt sie auf andere zu projizieren, müssen wir als Gesellschaft und Individuen lernen, diese Ängste anzusprechen, einzuordnen, zu bearbeiten.


2. Schuldzuschreibungen & Komplexitätsreduktion: #NoLiestal vs. #MoreLiestal


Die Konfliktparteien bilden eigene Denkmodelle oder Theorien. Was die eine Gruppe als Wirkung ansieht, verortet ein anderer Akteur als Ursache (und umgekehrt). Diese Dynamik lässt sich direkt auf den Liestal-Konflikt übertragen. Die on- und offline Demonstrierenden gegen die aktuellen Corona-Massnahmen unter #MoreLiestal, machen den «diktatorischen Bundesrat» und zum Teil die «Mainstream-Medien» dafür verantwortlich, dass Corona-Massnahmen zu hohen Kollateralschäden führen, welche die Gefahr des Virus bei Weitem übertreffe.


Auf der anderen Seite stehen #NoLiestal, die die maskenlosen «Superspreader» als Grund für das Nichtenden der Pandemie sehen oder die fehlende Solidarität beim Umsetzen der angeordneten Massnahmen beklagen. Ihre Forderung, ab sofort keine Demonstrationen mehr zu bewilligen, verstärkt die Haltung der Gegenseite, für ihre Meinungsfreiheit kämpfen zu wollen.


Da der Stress steigt, neigen alle betroffenen Akteure zu Simplifizierungen und Auslassungen. Diese begünstigen das Festhalten und die Radikalisierung der eigenen Positionen. Glasl nennt diese Dynamik eine paradoxe Verkopplung der äusseren Zunahme der Komplexität und der inneren Verringerung von Komplexität, die Stress und Frustrationen weiter verstärken.


Bremsen der Eskalationsdynamik nur gemeinsam möglich


Es ist höchste Zeit, dass die Behörden Konfliktfachleute einbeziehen für Strategien zur Deeskalation. Das Eskalationsmodell macht deutlich, dass ohne Deeskalation und polarisierungssensitive Kommunikation aller Akteure die Gefahr einer verstärkten Spaltung in unserer Gesellschaft sehr gross ist. Beide Seiten wollen Recht haben und zementieren damit die eigene Wahrheit. Die Gräben und Verwerfungen werden grösser und unüberbrückbar. Der aktuelle Druck auf die Behörden, keine Demonstrationen mehr zu bewilligen, zeigt bereits gewisse Wirkung. Die Aussicht auf Demonstrationsverbote bestätigt auf der anderen Seite die Haltung, dass die Meinungsfreiheit und Grundrechte ausgeschaltet werden. In dieser Positionsstarre nehmen die involvierten Akteure nicht mehr wahr, wie sie selber zur Eskalationsdynamik beitragen.


Das Eskalationsmodell zeigt, dass die weiteren Stufen bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen. Wir sind an einem kritischen Punkt. Die ungebremste Eskalation im Battlemodus führt in den Abgrund. Wir verlieren alle. Die Bewältigung dieser Pandemie schaffen wir nur miteinander, nicht gegeneinander. Es ziehen sich bereits tiefe Gräben mitten durch Familien, Freundschaften und Arbeitsteams. Wir haben jetzt noch die Möglichkeit, die Segel in Richtung Verständigung zu setzen. Dazu braucht es jede und jeden. Parteien, Medienschaffende, Behörden, Influencer und zivilgesellschaftliche Organisationen können mit gutem Beispiel voran gehen. Ein konkretes Beispiel ist das Manifest der Wochenzeitung, das zeitgleich in den Zeitungen derFreitag und Welt erschien.


Der Beitrag der Fachstelle Dialog und Partizipation: Wir schaffen mit dem Gefäss «Denkhaus» Debattenräume, in denen wir die Polarisierungsdynamik und Strategien zur Deeskalation mit Akteuren aus Politik, Behörden, Medien, Zivilgesellschaft und Forschung diskutieren.


Die nächste Zoom-Veranstaltung von «Denkhaus»:

Donnerstag, 8. April, 12.30 bis 14 Uhr.

Thema: #Liestal: Wie schaffen wir es aus der Sackgasse?


Informationen und Anmeldung HIER


Andrea Huber & Cordula Reimann beobachten und analysieren die Polarisierungs-Dynamik seit April 2020 sehr genau. Im Oktober 2020 gegründeten sie die Fachstelle Dialog und Partizipation mit Strategieberatung für Behörden zur Bewältigung der Corona-Krise und zur Förderung der gesellschaftlichen Diskussion. Wir sind parteiunabhängig und verstehen uns als Brückenbauerinnen.


Andrea Huber, Expertin für politische Strategie und Kommunikation bei routenplanerin.ch

Dr. Cordula Reimann, Expertin für Konflikttransformation bei core. Sie ist seit über 20 Jahren international tätig als Friedens- und Konfliktforscherin, Mediatorin und Konfliktberaterin.


Für Medienanfragen: Cordula Reimann, E-Mail: cr@corechange.ch

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