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  • Andrea Huber & Cordula Reimann

"Lasst und endlich reden": Dialog als Voraussetzung für die Bewältigung der Corona-Krise

Aktualisiert: März 13

Die zweite Welle ist da – und damit auch eine starke gesellschaftliche Dynamik von zunehmender Frustration und Polarisierung. Eine breite öffentliche Diskussion über verschiedene Perspektiven im Umgang mit dem Corona-Virus findet nicht statt. Eine adäquate Kommunikationsstrategie der zuständigen Behörden fehlt. Konsequenzen sind das ungenügende Mittragen von Massnahmen, tiefe Gräben in der Gesellschaft und die Ausbreitung demokratiefeindlicher Bewegungen in den sozialen Medien.


Das demokratische System der Schweiz ist in einer historischen Ausnahmesituation: Noch nie waren sämtliche politischen und gesellschaftlichen Bereiche gleichzeitig mit zentralen und existentiellen Herausforderungen konfrontiert. Diffuse und reale Ängste breiten sich seit diesem Frühjahr in der Bevölkerung aus. Mit dem Notrecht wurden Grundrechte eingeschränkt und bewährte demokratische Prozesse zweitweise ausgesetzt. Gleichzeitig sind ein steigendes Interesse an politischen Entscheidungen sowie das Bedürfnis nach Partizipation zu beobachten. Nur zögerlich entwickelt sich in den klassischen Medien ein öffentlicher Diskurs zu unterschiedlichen Perspektiven auf die getroffenen Massnahmen und künftige Herausforderungen. Viele der Fragen, die Menschen in der Schweiz beschäftigen, wurden weder von den Behörden noch von den Medien differenziert thematisiert: So etwa das Covid19-Gesetz, die Verhältnismässigkeit grundrechtlicher Einschränkungen, das Impfobligatorium, aber auch ein holistisches Verständnis von Gesundheit oder die psychischen Auswirkungen durch Corona-bedingte soziale Einschränkungen.


Geschlossene Community der "Andersdenkenden"

In diesem Kommunikationsvakuum entstanden seit dem Lockdown im März in kurzer Zeit zahlreiche Foren in den sozialen Medien, in denen sich Menschen über Covid-19 informieren, ihren Unmut über verordnete Massnahmen unter Gleichgesinnten kundtun, Analysen und Theorien verbreiten. Als Katalysator für neue Gefässe und Vereine wirkte über die Sommermonate das Covid-19-Gesetz. In der Vernehmlassung äusserten sich ungewöhnliche viele Privatpersonen und neu formierte Gruppen. Deren Kritik wurde aber kaum einbezogen, sondern man berücksichtigte die Stellungsnahmen der bewährten Akteure. Es fand kein Dialog mit der Zivilgesellschaft statt. In der Folge entstanden unter anderem der Aufruf zum Referendum gegen das Covid-19-Gesetz[1], eine Volksinitiative gegen ein Impfobligatorium[2], eine Volksinitiative zur Totalrevision der Bundesverfassung[3] oder eine Petition für eine ausserparlamentarische Untersuchung[4]. Diskutiert wird über Landesgrenzen hinweg – und im deutschsprachigen Raum findet eine starke Vernetzung mit hoher Sichtbarkeit statt. Dabei stehen die Kritiker*innen der verordneten Covid-19-Massnahmen im Dialog mit Gleichgesinnten[5] – andere Perspektiven werden kaum miteinbezogen.


Verpasste Chance für Partizipation

Durch das Festhalten von Bund und Kantonen an einer Einwegkommunikation gegenüber der Öffentlichkeit wurde es bisher verpasst, die Massnahmen in Resonanz mit der Zivilbevölkerung offen und kontrovers zu diskutieren. Würde dies gemacht, hätten die Verantwortlichen Hinweise dafür, wo Kommunikations- und Anpassungsbedarf bezüglich existierender Massnahmen besteht, sowie Vorschläge aus der Bevölkerung für ergänzende Massnahmen oder Informationsstrategien. Und: Es wäre ein Paradebeispiel für gelebte Demokratie im 21. Jahrhundert!


Aufwind für demokratiefeindliche Gruppierungen

Die bestehende Verunsicherung, steigende Frustration und die fehlende öffentliche Diskussion zu wichtigen Themen haben zur Folge, dass sich viele Menschen in alternativen Medien verstärkt informieren und orientieren. In den letzten Monaten hat sich eine gesellschaftliche Dynamik entfaltet, die demokratiefeindliche Gruppierungen als Nährboden nutzen. So wird das Narrativ der traditionellen Medien als «Lügenpresse» befeuert, die Schweiz als undemokratisch «entlarvt», komplexe politische Sachverhalte einseitig und undifferenziert dargestellt und abstruse Verschwörungstheorien in Umlauf gesetzt – soziale Dynamiken, die vorhandene Ängste verstärken. Es besteht die reale Gefahr, dass mit zunehmender Abnahme des grundlegenden Vertrauens in die politischen Entscheidungsträger die verordneten Massnahmen noch weniger umgesetzt werden und demokratiefeindliche sowie radikale Bewegungen erstarken. Wie sich diese Dynamik manifestiert, war an der Demonstration Ende August in Berlin gut sichtbar.


Pauschalisierungen anstelle von differenzierter Diskussion

Viele Menschen wagen es nicht, sich öffentlich kritisch gegenüber Covid-Massnahmen zu äussern. Aus Angst davor, als demokratiefeindliche «Covid-Skeptiker», «Covid-Lügner» oder «Verschwörungs-theoretiker» pauschalisiert zu werden. Dies hemmt eine offene und breite gesellschaftliche Diskussion. Es hat sich ein Graben geöffnet zwischen “Pro-Covid-Massnahmen” und “Kontra-Covid-Massnahmen”, mit dem die differenzierte Diskussion scheinbar nicht mehr möglich ist. So werden sämtliche für die politische und gesellschaftliche Krisenbewältigung wesentlichen Graustufen ausgeblendet.


Dialog ist längst fällig

Es ist höchste Zeit für Bund und Kantone, die bisherigen Kommunikationsstrategie zu überdenken. Denn es fehlt die Verbindung der parallellaufenden Dialoge durch den stärkeren Einbezug der vielfältigen Zivilgesellschaft. Mit nachhaltigen Dialogprozessen entstehen die entscheidenden Schnittstellen für einen konstruktiven Austausch. So gelangen wir als Gesellschaft vom Reflex hin zur gemeinsamen Reflexion. Vernehmlassungen, Inklusion und Dialog haben Tradition in der Schweizer Politik. Mit den Herausforderungen der Corona-Krise greifen die langbewährten Formate alleine aber nicht. In einer «ausserordentlichen Lage» sind ausserordentliche Projekte gefordert. Das Etablieren von Dialogen birgt viel Potential für das Weiterentwickeln von Partizipation und gelebter Demokratie – auch für die Zeit nach Corona.


Andrea Huber und Cordula Reimann


Dr. Cordula Reimann ist Expertin für Konflikttransformation, Inhaberin core & core change coaching

Andrea Huber ist Expertin für politische Kommunikation, Inhaberin routenplanerin.ch

[1] https://notrecht-referendum.ch [2] https://www.fbschweiz.ch/index.php/de/stopp-impfpflicht-de [3] https://www.luzernerzeitung.ch/schweiz/wir-muessen-grundsatzdiskussionen-neu-fuehren-cedric-wermuth-zur-radikalen-initiative-der-corona-rebellen-ld.1254664 [4] https://fruehling2020.com/ [5] Als Beispiel dafür siehe Roger Bittel TV: https://www.youtube.com/channel/UCHfqgvjntX8kXYOl08j2pAg


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