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  • Andrea Huber & Cordula Reimann

Herausforderungen der Medien in der Corona-Krise

Aktualisiert: März 16

Argumente für einen “polarisierungssensitiven” Journalismus


Das Narrativ der „Lügenpresse“ hat Hochkonjunktur. Die Hetze gegen Medien wird von rechtspopulistischen Parteien und demokratiefeindlichen Bewegungen in den sozialen Medien angeheizt. Immer mehr Menschen mit offenen Fragen suchen Resonanz in sozialen Bubbles. Doch welche Rolle spielen die traditionellen Medien in dieser rasanten Dynamik der Polarisierung? Andrea Huber und Cordula Reimann, Expertinnen für politische Kommunikation und Konflikttransformation, beobachten am Beispiel der Corona-Impfung die Herausforderungen für den Journalismus und wie er der zunehmenden Spaltungen der Gesellschaft entgegenwirken kann.



Und plötzlich waren sie da, diese neuen Begriffe. Mit der Coronakrise schufen die Medien Kategorien wie “Corona-Leugner” oder “Covidioten”. Wir und die anderen. Die Ettikettierungen wurde im Verlaufe der Krise abgestuft. Es war vermehrt von „Corona-Rebellen“ und „Corona-Skeptikern“ die Rede. Mit der grösseren Akzeptanz von Protesten in Form von Petitionen und Kundgebungen etablieren sich aktuell “Corona-Kritiker” und “Corona-Gegner”. Mit der Hoffnung auf das Ende des Tunnels durch die schützende Impfung wurde der Begriff „Impfverweigerer“ aus der Schublade geholt. Dieser war in der Vergangenheit immer wieder mal Thema, so zum Beispiel rund um die Masernprävention. Umfragen von SRG Ende Januar 21 und das Corona-Monitoring der Universität Zürich anfangs Februar 21 zeigen, dass lediglich rund ein Viertel der Befragten sich zur Zeit nicht impfen lassen wollen. Studienleiter Hermann sagte zur Auswertung der SRG-Umfrage, es sei „so etwas wie eine `Impfeuphorie` entstanden“. Wer diesen Begriff googelt, merkt: niemand schreibt über „Impfeuphorie“.


In der Corona-Krise sind viele neu Begriffe entstandenen. Wir ergänzen mit der Wortschöpfung „Polarisierungssensitiver Journalismus“. Denn die Art und Weise der Berichterstattung prägt die gesellschaftliche Dynamik mit. Wir schliessen an den in Zusammenhang mit Kriegsberichterstattung verwendeten Terminus „konfliktsensitiver Journalismus“ an.



Am Beispiel der Impfthematik zeigen wir, welche Polarisierungsdynamik und Herausforderungen für die journalistische Arbeit wir beobachten.


Die Angst vor dem Impfzwang


Die Etikettierung in den Medien und zum Teil auch unsorgfältige oder unausgewogene Berichterstattung wirken polarisierend. Die Themen „Impfzwang“ und „Impfprivilegien“ sind dabei besonders heikel. Denn jede Verschwörungstheorie prophezeite seit Ausbruch der Pandemie – und zum Teil schon davor – einen globalen Impfzwang. Mit Erklärungen, die von einem teuflischen Plan der Eliten zur Eliminierung der Menschheit bis hin zu Implementieren von Mikrochips zur Unterwerfung und totalen Kontrolle reichten. Wie und was in den Medien zum Thema Impfen berichtet wird, hat darum eine Hebelwirkung in sozialen Kanälen wie Telegram. Eine NZZ-Analyse vom 6. März 21 geht alleine in der Schweiz von rund zwanzig Corona-kritischen Telegramkanälen mit rund 450‘000 Abonnent*innen aus. Im gesamten deutschen Sprachraum ist es ein Vielfaches.


Vom Bundesrat war immer wieder zu hören, es sei kein staatliches Impfobligatorium vorgesehen. Zur Jahreswende entstand mit dem Näherrücken der Impfmöglichkeit ein Medienhype rund um die Frage des indirekten Impfzwangs, der auch im Januar anhielt, kombiniert mit der Kritik zur Organisation und dem Tempo des Impfprogrammes. Das heisst, obwohl die Möglichkeit eines Zugangs aller zur Covid-19 Impfung noch in weiter Ferne lag, standen “Impfprivilegien”im medialen Vordergrund. Rudolf Strahm schrieb in seinem Tagesanzeiger-Essay zum Jahresende: „Nach geltender Gesetzgebung darf der Staat nicht generell eine Impfpflicht durchsetzen. Doch er sollte bald indirekt wirken, indem er Fluggesellschaften, Restaurants und Hotels, Clubs und Discos, Kultur- und Sportveranstalter schrittweise von Auflagen entlastet, wenn sie von ihrem Publikum einen Impfausweis fordern. Das wird Wirkung zeigen! Jedermann hat dann immer noch die Freiheit zu wählen.»


Fehlende rechtliche Grundlagen


Lange vermieden es Bundesrat und Parlament das heisse Eisen - die Möglichkeiten und Grenzen für Unternehmen im Umgang mit Geimpften - anzufassen. Bei der Covid-App war dies anders, dort wurde rechtlich gesichert, dass die Verwendung auf Freiwilligkeit beruhen muss und nicht von Privaten eingefordert werden kann. Nicht so bei der Covid19-Impfung, obwohl Expert*innen vermehrt darauf hinwiesen, dass es dringend einen rechtlichen Rahmen brauche. Das Bundesamt für Justiz (BJ) machte zuhanden des Bundesrates zwar eine Auslegeordnung, dieser äusserte sich aber nicht öffentlich zum Thema. Schliesslich befasste sich die Staatspolitische Kommission (SPK) des Ständerates im Februar 2021 damit. Auf Grundlage von Anhörungen mit Fachleuten und einer ausführlichen Analyse des BJ empfahl die Kommission dem Bundesrat mit 6 zu 1 Stimmen und fünf Enthaltungen zu prüfen, gegenüber entsprechend geimpften Personen und solchen, die nachweislich nicht ansteckend sind (durch Genesung oder Negativtest) keine schweren individuellen Grundrechtseingriffe, insbesondere keine Quarantänen, mehr anzuordnen (Medienmitteilung).



Polarisierende Berichterstattung?


Die Tageszeitung Blick hatte bereits am Vortag von einem «Geheimpapier» des Bundesrates für Impfprivilegien berichtet. Diverse Medien bezogen sich in Folge auf diesen Bericht. In der Pandemie ist es Usus geworden, dass die Medien vor dem Bundesrat über seine geplanten Massnahmen berichten – die Verletzung des Amtsgeheimnisses scheint schon fast zur Kommunikationsstrategie zu gehören. All dies befeuert das Narrativ der “Eliten, die mit den Medien unter einer Decke stecken”. Der Blick schreibt nach Erscheinen der Medienmitteilung der SPK-S «Bundesrat und Parlament sind sich einig, wer nicht ansteckend ist, soll Freiheiten zurückerhalten.» Die Empfehlung der Hälfte einer Kommission ist nicht das halbe Parlament und von Einigkeit kann nicht die Rede sein. Zwar schrieb der Blick im Lead richtigerweise, dass es um Freiheiten für «Nichtansteckende» geht, doch befasst sich der Artikel dann vor allem mit Regelungen für Geimpfte. In vielen Berichten wurde der Fokus auf Privilegien für Geimpfte gelegt, auch angeregt durch das israelische Experiment. Solcher vor allem auf Klickraten ausgerichteter und zum Teil unsorgfältiger Journalismus triggert massiv in den alternativen Mediengefässen- und Kanälen. Die oft einseitig wahrgenommene Berichterstattung verstärkt die Polarisierung. Und gleichzeitig wirkt sie identitätsstiftend für die Corona-Kritiker*innen, die sich an dem “Mainstream” abarbeiten und sich in ihren sozialen Bubbles in ihren Vermutungen der “gekauften Journalisten” und “Staatsmedien” bestätigt sehen. Dass diese Gruppierungen untereinander vereinfacht und undifferenziert ihre Argumentationen teilen und gegenseitig bestätigen - ohne die kritische Reflektion durch die traditionellen Medien - verstärkt wiederum die Polarisierung der Meinungsbildung.


Die Unerhörten


Medienschaffende taten sich zu Beginn der Pandemie schwer, kritisch zu berichten. Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft fög hält im Jahrbuch Qualität der Medien 2020 fest, dass die vertiefte Auseinandersetzung mit der Corona-Krise und den Massnahmen basierend auf gründlicher Eigenrecherche in der untersuchten Periode bis Juni 2020 ein Randphänomen blieb. Das veränderte sich im Laufe der Krisenbewältigung. Und doch entstand rasch eine Standardhaltung mit wenig Offenheit gegenüber anderer Sichtweisen. Reto Brennwalds Dok-Film „Unerhört“ wurde über 400‘000 mal gesehen. Mit dem Zeigen anderer und kritischer Stimmen wurde er für die einen zum Helden, für die anderen zur Persona non grata und gerade auch von Berufskolleg*innen scharf kritisiert.


Tatsache ist, dass sich viele Menschen seit Beginn der Corona-Krise von den traditionellen Medien nicht abgeholt fühlen. Es entstand länderübergreifend im deutschen Sprachraum eine Parallelwelt der Meinungen und Informationen, wo ganz normale Leute mit ganz normalen Bedenken auf Gruppierungen treffen, die gezielt mit radikalem Gedankengut manipulieren. Auf der Suche nach differenzierten Informationen abseits des „Mainstreams" verlieren sich viele in einem neuen “Meinungsstandard” und setzen sich nicht mehr differenziert mit den Quellen und der Agenda der Absender auseinander. So geschieht es, dass sich Yogalehrerinnen und besorgte Eltern plötzlich im Austausch mit Trump-Fans, Reichsbürger und Bill-Gates Hasser wiederfinden. Es handelt sich dabei nicht um eine Nische, sondern um Bewegungen, die sich auch in der Vielzahl von neu entstandenen Gruppierungen niederschlagen (eine dieser Gruppierungen führt eine Link-Liste).


Der Hass auf die Medien


Diese Gefässe sind der perfekte Nährboden für die aktiven demokratiefeindlichen Gruppierungen im Netz. Das von Rechtsextremen etablierte Bild des Staates als Feind und der „Lügenpresse“ lässt sich bestens mit den staatlichen Massnahmen und der Einschränkung von Grundrechten verweben. Viele Medienschaffende haben bei Recherchen erlebt, wie aufgeladen die Stimmung bereits gegen Berufskolleg*innen ist. Der Ausdruck “Lügenpresse” ist so alt wie die Presse selbst. Er klang mit dem Ende des Nationalsozialismus ab, wurde aber in der rechtsextremen Szene weiter benutzt. Mit Pegida erhielt der Begriff ab 2014 Aufwind im deutschen Sprachraum. In osteuropäischen Staaten oder der Türkei gehören „Lügenpresse“ und Zensur zur Strategie, um die demokratischen Institutionen zu schwächen. Mit Trump wurde die gefährliche Bezeichnung auch in westlichen Demokratien salonfähig und nachgeeifert. In der Schweiz waren es SVP-Exponent*innen wie Roger Köppel oder Andreas Glarner, die den Begriff ab 2016 aufnahmen, in Deutschland und Österreich Vertreter*innen der AfD und FPÖ. Das Narrativ geht einher mit der Kritik gegen den Staat und die Eliten, welches diese Parteien bewirtschaften. Es ist darum auch nicht weiter erstaunlich, dass diese Parteien in der Corona-Krise unter dem Schlagwort der „Corona-Diktatur“ nun zur Stimme der Unerhörten und Unzufriedenen werden.



Differenzierte Diskussion erschwert


Niemand will wie Reto Brennwald den „anderen“ zugeordnet werden. Diese latente Angst wirkt erschwerend auf eine differenzierte öffentliche Debatte. Wir geben zu, dass die Sorge einer solchen Zuordnung auch bei uns immer wieder mitschwingt. Seit Beginn der Pandemie sind wir mit Behörden, Medienschaffenden und Parlamentarier*innen im Gespräch zum Thema Polarisierung, zu dem wir uns regelmässig in diesem Blog äussern. Obwohl speziell die Diskussion rund um Impfprivilegien heikle ethische und grundrechtliche Fragen mit sich bringt, sind Schweizer NGOs und vor allem die Menschenrechtsorganisationen aussergewöhnlich still. Zu den datenschützerischen Herausforderungen eines möglichen Impfpasses hat sich zwar der oberste Datenschützer gemeldet, nicht aber thematisch verwandte Organisationen wie etwa die Digitale Gesellschaft. Es geht also nicht nur um die Verantwortung der Medien, sondern generell um die Notwendigkeit einer breiten, öffentlichen und differenzierten Diskussion. Das Parlament ist in der Pflicht, rechtsstaatlicher Sorgfalt und der Bundesrat sollte dringend die Kommunikationsstrategie unter dem Gesichtspunkt der Vertrauensbildung und Verhindern von Polarisierung überprüfen.


Showdown der Weltbilder


Die Diskussionen rund um die Covid-Impfung ist besonders heikel. Eberhard Wolff, Kulturwissenschaftler und Medizinhistoriker, sagte im Interview mit SRF, das Impfen sei schon seit jeher ein Thema, welches die Gesellschaft spalte: «Es geht um Weltbilder, um den Umgang mit Risiken, um individuelle, gesellschaftliche und politische Überzeugungen und Denksysteme». Die Corona-Krise wird zum Showdown für Schulmedizin vs. Alternativmedizin. Gewürzt mit dem Begriff „Solidarität“ haben nun alle jene neue Argumente, denen die Globulis und Veganer schon immer ein Dorn im Auge waren. Auch Medienschaffende sind in diesem Thema mit ihrem Bias unterwegs oder herausgefordert. Wir werden nicht darum herumkommen, mögliche Privilegien und Ausschlüsse auch unter dem Aspekt des Artikels 15 BV (Religionsfreiheit, Weltanschauung) zu diskutieren und Lösungen zu entwickeln.


Die Verantwortung der Medien


Es ist sehr schwierig, Menschen, die das Narrativ der Lügenpresse bereits verinnerlicht haben und sich ausschliesslich in den Bubbles der entsprechenden Kanäle bewegen, zu erreichen und in eine differenzierte Diskussion zu integrieren. Aber es liegt auch in der Verantwortung der Medienhäuser und Medienschaffenden, sowohl die Themenschwerpunkte als auch die Berichterstattung unter dem Aspekt der Polarisierung zu reflektieren. Das fög sieht die Corona-Krise als "Stresstest" für die Medien (Jahrbuch2020). Die Medien können einen wichtigen Beitrag dabei leisten, der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken und Menschen abzuholen, die sich sich noch nicht ausschliesslich im Meinungsschwarm der sozialen Netzerke bewegen. Dies ist auch eine wichtige Präventionsmassnahme gegen Radikalisierung. Auch die Behördenkommunikation sollte unter dem Aspekt der Polarisierung regelmässig überprüft und angepasst werden.


Unsere Beobachtungen und Argumente haben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, es ist eine von vielen möglichen Perspektiven. Diese möchten wir mit Medienschaffenden und Kommunikationsfachleuten diskutieren. Wir laden ein zum Austausch über polarisierungssensitiven Journalismus.


Warum ist eine Reflektion der journalistischen Arbeit unter dem Polarisierungsaspekt notwendig? Wie gehen Medienschaffende mit ihrer sozialen und politischen Verantwortung und den journalistischen Herausforderungen in der Corona-Krise um?


Anmeldung: über Websiteformular

oder per E-Mail (auch Rückfragen): andrea.huber@routenplanerin.ch


Andrea Huber, Expertin für politische Kommunikation bei routenplanerin.ch

Cordula Reimann, Expertin für Konflikttransformation bei core


Wir beobachten und analysieren die beschriebene Dynamik seit April 2020 sehr genau und wandten uns frühzeitig mit konkreten Vorschlägen für Dialogformate an die Bundesverwaltung, wo kein Interesse vorhanden war. Wir bringen langjähriger Erfahrung in der Dialoggestaltung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, Verwaltung und Politik mit. Wir sind parteiunabhängig und verstehen uns als Brückenbauerinnen zwischen den verschiedenen Schnittstellen. Im Oktober 2020 gründeten wir die Fachstelle Dialog und Partizipation.

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